Le Canard Nouveau

 

  

 

Vorurteile gelten gemeinhin als unschön, dennoch habe ich welche, bin nicht unfehlbar, bin das Genussgenie, nicht Genusspapst. Als ich hörte, dass im ehemaligen Gourmettempel des Josef Viehauser jemand namens Ali Güngörmüş den Kochlöffel schwingt, reichten meine Fantasien allenfalls für getrüffelte Dönerkebab an Essenz vom hinteranatolischen Rotkraut plus Raki-Ziegenjoghurtmoussee als Nachtisch. Doch ich hörte immer wieder Stimmen. Stimmen von Bekannten, die beteuerten, ich würde einen Besuch dort keinesfalls bereuen. Um es kurz zu machen: Die Stimmen hatten recht.

 

Von der Restaurantterrasse aus genießt man einen traumhaften Blick über die Elbe, kann die Ozeanriesen bewundern, möchte am liebsten die Arbeiter an den Containerterminals anfeuern. Aber dann erscheinen schon nette Kellner und servieren fix die georderten Vorspeisen. Sehr originell und für die Zunge überraschend die Erbsen–Minzraviolis in der Hummersuppe. Ausgewogen gewürzt und hintergründig scharf die Tunarolle im Noriblatt mit Gurken–Rettichsalat, Tatsoiblättern und Bananen–Avocadocreme, da hatte ich richtig Freude! Gaumenorgasmus!

links die Tunarolle

Spanferkel


Es war ja Hochsommer, Ende Juli, so bestellte ich ein zweites (alkoholfreies!) Bier, die Lieferung dauerte beim ansonsten sehr aufmerksamen Personal aber recht lang. Trost spendete dann erstmal die Hauptspeise, wunderbar abgestimmt gewürzte, vor allem wahnsinnig zarte Octopus–Gamba Gröst'l mit jungem Lauch, Basilikum und Pesto - da versteht jemand sein Handwerk! In der Tat stand Herr Güngörmüş selbst am Herd, er kam zwischendurch heraus und sprach mit einigen Gästen.


Mein Tischgenosse zeigte sich ebenfalls sehr erbaut von seinem Spanferkelrücken mit Brezenknödel, Spitzkohl und Speck–Rosinencroutons. Hört sich alles sehr deftig an, war aber selbst in der heißen Jahreszeit nicht zu schwer. Dennoch haben wir auf den Nachtisch verzichtet.

 

Insgesamt sind der Michelin-Stern und die 16 Punkte vom Gault Millau 2010 völlig in Ordnung. Ich habe mich gefreut, dass meine dumpfen Vorurteile so überzeugend widerlegt wurden und verspreche, künftig abends Selbstkritik zu üben!

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Neuer Versuch 2016:

 

Es ist schon erstaunlich, wie schnell man sich im großen Gastraum, der fast die Ausmaße einer Halle hat, wohl fühlt. Möglicherweise hängt das mit den warmen Farben des Interieurs zusammen, wahrscheinlicher mit dem grandiosen Ausblick über die Elbe, auf der es auch abends geschäftig zugeht.

 

Die Getränkepreise halten sich im Rahmen, für einen ordentlichen Chianti Classico (halbe Flasche/ 0,375 l) mussten wir 35,- € opfern, für einen sehr großzügig geschenkten Malteser zum Abschluss 5,- €.

Im Februar haben wir ein spezielles, quasi klassisches Menü versucht (über Groupon, 150,- € für zwei). Es gab also Vorspeise, Fischgang, Fleischgang und Nachspeise in der für Sterneküche üblichen Qualität. Soll heißen: Bemerkenswert zarter und saftiger Fisch, unerreicht gute, nahezu buttrige Qualität beim Fleisch. Allerdings wird bei Ali Güngörmüs erfreulich beherzt gewürzt, der geniale Kalbsrücken überraschte mit hintergründiger und doch lang anhaltender Schärfe. Kurz: Zum Niederknien!


Die Beilagen dagegen hinterließen einen zwiespältigen Eindruck. Während der knackige Wirsingkohl und die duftigen Ingwer-Cumin-Linsen als originelles Zungenerlebnis punkteten, blieb die gegrillte Aubergine nur als zwar hübsche, aber ansonsten geschmacklos wabbelig-schlabberige Widerwärtigkeit im Gedächtnis.


Viel Spaß hatten wir dann mit dem leichten Nachtisch, der aus einem kleinen Griess-Gugelhupf und hocharomatischem Cassis-Eis bestand.

  

Gruß aus der Küche: Meeresfrüchte-Krapfen mit rote Beete / Vorspeise: Entenleber-Terrine

 

Kabeljau

 

Kalbsrücken mit Aubergine und Süßkartoffel / Nachtisch Griess & Cassis

 

Die die absolut angemessenen 16 Punkte vom Gault Millau hat das Restaurant auch 2016 verteidigt. Das erwähnte Menü ist wohl noch bis Ende März 2016 zu bekommen.

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Im Juli 2016 zog es den Genusspapst zur Mittagszeit wieder einmal an die Elbchaussee. Der kurze Kommentar:

"Heute Mittag bei Ali Güngörmüs im Le Canard Knusperlachs, Lammschulter und Panna Cotta verdrückt, dazu ein traumhafter Blick auf Elbe und Hafen. Die aus den Fugen geratene Welt war eine Zeitlang ganz weit weg. Welch Wohltat!"

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer ein paar seiner päpstlichen Fotos:

Bio-Knusperlachs, Mango, Avocado, Shiitake, Ponzu

 

Lammschulter aus dem Ofen, Bohnen, geräucherte Paprika, Curry-Ingwer-Linsen

 

Vanille Panna Cotta, marinierte Melone, Zitronensorbet

 

Le Canard nouveau

Elbchaussee 139
22763 Hamburg‎
Telefon: 040/881295-31/32

 

   

8/2010

 
 
genussgenie.de