Red Chamber

 

Wir vier hungrigen Genießer hätten sofort stutzig werden sollen. Im Restaurant, einem ehemaligen Bankgebäude, saß am frühen Freitagabend so gut wie keine Laufkundschaft. Beinahe alle Gäste hatten Ende Mai 2018 offensichtlich dieses wohlklingende Menü des Weinhändlers Rindchen (49,- €, inklusive 3 Gläser Wein) gebucht:

Amuse

2017 Côtes du Rhône Blanc Reserve des Armoiries
Fünf verschiedene Seafood-Tapas
Austern, Schwertmuscheln, Kaisergranat, Thunfischtatar, Gartenspinat

Zitronensorbet

2015 Cairanne "Les Trois Terroirs", Côtes du Rhône Villages, Domaine Boisson
(wird leicht gekühlt serviert)
Vier verschiedene warme Tapas
Mao’s Favorite: Geschmorter Bauch vom Susländer Schwein,
Mouthwatering Chicken: Gedämpftes Hühnerfleisch mit Chilisauce
Auberginen-Tempura und Calamari-Tempura

2016 Sablet, Côtes du Rhône Villages, Bertrand Stehelin
Feine Rinderstreifen vom Teppanyaki mit gegrilltem Spargel und Kräutersaitlingen

Crème brûlée



Das fußläufig vom Rathaus erreichbare Red Chamber wirkte keinesfalls ungemütlich, ist allerdings nur mit schlichtesten Holztischen und - stühlen ausgestattet. Die jugendliche Bedienung agierte freundlich und ein wenig unsicher.

Amuse


Hübsch arrangiert kamen die Speisen dann auf den Tisch, überzeugten aber tatsächlich nur optisch. Einzig die Austern (für jeden eine) waren knackefrisch und das Gemüse halbwegs originell. Thunfischtatar enthielt wenig Thunfisch, Kaisergranat schmeckte matschig-wässrig wie unsachgemäß aufgetaute Tiefkühlware - dazu passte der charakterlose Blanc Reserve des Armoiries vom Vorjahr bestens.



Von den vier warmen Tapas brachte allein der kalte Schweinebauch eigenes Aroma mit, beim immerhin knusprig panierten Rest musste es Kikkomans Soyasauce tun. Die Chilisauce zum gedämpftem Hühnerfleisch kam uns wie leichter Ketchup vor:


"Feine Rinderstreifen vom Teppanyaki", also vom heißen Tischgrill, sollte der Hauptgang beinhalten. Leider stand weder ein solcher Grill in Sichtweite noch war das Fleisch heiß. Schmale, bemerkenswert feste Streifen offenbar unmarinierten und wahrlich nicht sonderlich schieren Rindfleisches lagen knapp unter Zimmertemperatur auf dem Teller, umgeben von weichen Pilzen und Spargel (gegrillt?):

 

Zu diesem Gang tröstete wirklich nur der ausdrucksvolle Rotwein ('Sablet'), übrigens der einzige annehmbare Tropfen an diesem Abend.

Unser Nachtisch in Form einer Crème brûlée ("asiatische Eßkultur"?), die im Inneren eine gewisse Kühlschrankkälte mitbrachte und ansonsten hinsichtlich ihrer festen Konsistenz dem Vanillepudding meiner Oma entsprach, erfreute den geplagten Gaumen wenigstens mit vollem, rundem Aroma:


Red Chamber ist wohl ein brüderlicher Ableger des Wandsbeker Ni Hao, reicht aber bei weitem nicht an dessen Klasse heran. Damit ich recht verstanden werde: Das Menü war nicht ungenießbar, aber doch hoffnungslos überteuert und passte nicht ansatzweise zum hehren Anspruch des Hauses ("Hochwertige Qualität aus besten Produkten, gemeinschaftlicher Genuss, harmonisches Miteinander und kulinarische Vielfalt – das sind die Maximen des Red Chamber").


 


Red Chamber
Schauenburger Str. 49
20095 Hamburg
Tel. 040 - 37 50 20 20
 

 
 
genussgenie.de